Clue-Writing: Ikarus

Ich nutze meine freien Tage immer noch, um das Schreiben ein wenig voranzutreiben – wundert euch also nicht, wenn ihr nichts von mir hört 😉

Durch Zufall bin ich währenddessen auf eine passende Blogparade gestoßen und zwar die die dritte Clue-Writing-Blogparade. Clue-Writing gibt in diesem Fall einen Ort und fünf Stichworte vor, die in der Geschichte vorkommen müssen, der Rest ist dem Schreiberling freigestellt.

Die Vorgaben waren: Setting – Wohnblock, Stichworte – Flügel, Schafe, Enthusiasmus, Teppichboden, Gewürznelke

Als kleine Übung möchte ich mich mit diesem Beitrag auch daran beteiligen und freue mich wie immer über eure Rückmeldungen!

Ikarus

Flügel. Sie hatte Flügel. Groß waren sie. Mächtige, weiße Schwingen, mit denen sie sich majestätisch erhob und alles hinter sich zurückließ. Ihre Umgebung wurde immer kleiner. Das chaotische Zimmer, die kleine Wohnung, der trostlose Wohnblock. Alles blieb zurück, während sie ihre Schwingen ausbreitete und emporstieg. Hoch und immer höher, dem endlosen Blau und der strahlenden Sonne entgegen. Die Stadt war nur noch als schmutziggrauer Fleck unter ihr zu erkennen, bis auch sie sich auflöste und sie über einer schier endlosen weißen Wattewolkenwelt schwebte.
Frieden. Hier gab es Frieden. Alles war ruhig, nichts störte sie, während sie über die gleißende Wolkenwüste flog. Hier war sie die Herrin über sich selbst. Niemand schubste sie herum, niemand verlangte Dinge von ihr, die sie nicht tun konnte, niemand machte ihr Vorschriften. Sie war ganz bei sich selbst.
Ob sie noch höher steigen konnte? Auch noch diesen letzten Rest der Welt hinter sich lassen konnte? Höher, immer höher, bis sie zwischen den Sternen schwebte. Mitten im Nichts. Mit einem mächtigen Schwingenschlag erhob sie sich weiter, weiter, höher, immer höher, zur Sonne!
Doch? Die Sonne! Sie brannte! Heiß und immer heißer wurde es, hell, und immer heller. So grell, das Licht! Die Hitze. Brennende Strahlen, die ihre Flügel trafen und sie versengten. Sie brannten. Aus weiß wurde grau, wurde schwarz. Dann war nichts. Nichts, das sie mehr am Himmel hielt. Sie fiel. Sie stürzte. Sie taumelte. Schnell, immer schneller, schneller, schnelle! Tief und tiefer. Die Wolkenwand, sie konnte sie nicht auffangen. Hinab, herunter, durch das strahlende Weiß in die graue, triste Tiefe. Es zog sie hinaub und sie stürzte, bis sie unsanft wieder in ihrem eigenen Körper landete.

Würgend erbrach sich Nelly auf den Teppichboden. Farblich machte es keinen großen Unterschied. Kotzbraun, so kam er ihr eh immer vor. Sie hustete und spuckte den Rest ihres mageren Mageninhaltes auch noch vor sich, bis nur noch bittere Galle kam.
Mit dem Handrücken wischte sie sich den Mund ab, dann schob sie ein dreckiges T-Shirt über den Fleck auf dem Teppich. Auf wackeligen Beinen erhob sie sich, taumelte in das winzige, fensterlose Bad und spülte sich den Mund mit Wasser aus.
Verdammte Scheiße, wenn Tom heimkam und sie so vorfand, dann würde sie wieder etwas zu hören kriegen. Schlampe, faule Sau, raff dich mal auf, tu mal was für deinen Lebensunterhalt. Such dir endlich eine Arbeit. Hast du schon wieder gesoffen? Wo hast du eigentlich die Kohle für den Sprit her? Hast dich sicher wieder durch den halben Wohnblock gevögelt dafür, oder?
Nelly riss die Türen des Badschranks auf und kramte hektisch nach den Aspirin, die dort irgendwo standen. Sie riß die Packung auf, drückte vier Stück der kleinen weißen Pillen in ihre Handfläche. In der Küche fand sie noch eine angefangene Flasche Gin, setzte sie an und spülte die Tabletten mit einem großzügigen Schluck runter. Auf der Arbeitsplatte stand ein kleines Döschen mit Gewürznelken. Nelly drehte es auf und steckte sich drei der getrockneten Knospen in den Mund. Kräftig begann sie zu kauen, das übertünchte allen Alk-Geruch, auch wenn es gräßlich schmeckte.
Gegen den schmutzigen Tisch gelehnt schloß Nelly kurz die Augen. Sie meinte, noch die Flügel an ihrem Rücken zu spüren. Schwingen, die sie emporgetragen hatten. Raus aus dieser Klitsche, in der es für sie sowieso keine Zukunft gab.
Und Tom, der Drecksack? Der hatte sie eh nicht verdient. Sie nahm noch einen tiefen Zug aus der Flasche und begann erneut zu würgen, als sie sich an den Nelken verschluckte.
“Verfickte Schafscheiße” brüllte sie und warf die Flasche aus der Tür. Mit einem hellen Splittern zerbrach sie an der Wohnzimmerwand. Würziger Wacholderduft übertönte kurzzeitig den Geruch alter Kleidung, kalten Rauchs und ungewaschener Nelly. Und Kotze.
Es reichte. Ab heute würde alles anders werden.
Nelly spuckte die Nelkenreste in die Spüle und wischte sich durchs Gesicht. Sie würde hier herausgehen und ihr Leben würde sich ändern. Sie würde ihre Flügel auspacken und sich erheben. Niemand würde ihr mehr sagen, was sie zu tun und zu lassen hatte.
Mit einem Klicken fiel die Wohnungstür hinter ihr ins Schloß.

Hausmeister Hartkamp fegte ohne großen Enthusiamus den Plattenweg, der zum Haupteingang des Wohnblocks führte, als er über sich ein Geräusch hörte.
Sein Blick wanderte nach oben und er konnte gerade noch die Gestalt sehen, die oben auf dem Dach des Hauses stand und ihre Arme ausbreitete, als ob sie fliegen wollte.

Nellys Flug dauerte 3 Sekunden.

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3 Kommentare zu “Clue-Writing: Ikarus

  1. Sehr schöner Erzählfluss … eindrücklich. Der Mittelteil verwandelt die schönen Bildern des Beginns in etwas ungeheuerlich dramatisches und mündet in einen schrecklichen Schluss. Liest man die ersten Sätze, erahnt man den Ausgang nicht, das gibt dem Stück eine hohe Spannung. Da bleiben mir nur zwei marginale Meckereien: die Tür, durch die Nelly die Flasche pfeffert, würde ich zur „Küchen“-Tür erklären und die „Wohnungstür“ zur „Balkontür“, das erhält dem Leser den eleganten Fluss des Stücks.

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  2. Hallo, ich bin aus der Kommentarspalte der Clue Writing Blogparade hier rein gestolpert und finde das einen tollen Text. Erst hebst du den Leser in ungeahnte Höhen und dann lässt du ihn abstürzen in die Hölle des Wohnblocks. Finde ich gut gemacht. Außerdem hat der Text einen guten Rhythmus, lässt sich gut lesen. Das Ende kommt sehr abrupt. Aber wahrscheinlich ist das gewollt… Aber das stört den Gesamteindruck nicht besonders.

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  3. Pingback: Die dritte Clue Writing Challenge geht zu Ende | Clue Writing

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