Mumien-Pornographie?

Es ist schon einige Jahre her, da prägte Prof. Dietrich Wildung, damals noch Leiter des Ägyptischen Museums in Berlin, anlässlich einer Mumien-Ausstellung in Mannheim das Wort „Mumien-Pornographie“. Das Interview kann noch bei Deutschlandradio Kultur nachgelesen werden.

Daß ich jetzt wieder daran denken muß, liegt am Roemer-Pelizaeus-Museums Hildesheim, wo ab Februar die Ausstellung „Mumien der Welt“ zu sehen sein wird. Die Ausstellung wird medial reichhaltig begleitet, immer wieder stolpere ich bei Facebook über entsprechende Ankündigungen und Berichte. Neben Mumien aus aller Welt werden dort – natürlich – auch altägyptische Mumien gezeigt werden.

Ich bin keine Freundin der Mumienpräsentation und stimme mit Herrn Wildungs Ansicht überein – altägyptische Mumien sind nichts, was öffentlich gezeigt werden muß – davon abgesehen auch keine anderen Mumien oder sonstwie präparierte Körper, aber der Fall Altägypten ist ein ganz spezieller.

Wir haben im Museum natürlich auch immer wieder Kinder, die fragen „Habt ihr Mumien, ich will Mumien sehen!“ Eine gewisse Sensationsgier steckt schon hinter dieser Frage. Mein Papa war früher Polizist, da kam eine ganz ähnlich geartete Frage: „Hast Du eine Waffe? Hast Du damit schon mal jemanden erschossen?“ Tja, nun.
Wenn man bei unseren Museumskindern dann mal genauer nachfragt, was sie denn an den Mumien so spannend finden, kommt oft die Antwort: „Die sind so schön bunt.“ Das hat uns zunächst stutzig gemacht, denn Mumien sind, wie wir wissen, so gar nicht bunt, sondern eher braun-grau. Einiges Nachdenken hat uns dann dazu geführt, daß die Kinder nicht die Mumien, sondern die SÄRGE meinen – die sind in der Tat wunderschön und bunt bemalt!

Dezente Mumienpräsentation (c) Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, Foto: M. Franke

Dezente Mumienpräsentation
(c) Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, Foto: M. Franke

Auch in der neuen Dauerausstellung bei uns im Ägyptischen Museum in München verzichten wir auf die Präsentation von Mumien – wir erklären dies mit einer Fahne „Mumien-Tabu“. Eine Ausnahme machen wir mit unserer Kindermumie – zum einen, weil wir natürlich in Führungen über Mumien sprechen (müssen!) und ein Objekt als Anknüpfungspunkt ist immer gut. Zum anderen können wir das bei gerade dieser Mumie noch guten Gewissens tun, denn sie ist noch vollständig eingewickelt und der Mensch darin nicht zu erkennen. Trotzdem, wenn man mit einer Gruppe Kinder vor dieser Mumie sitzt, und sie eben noch ganz begierig danach gefragt haben, sind sie nun ganz zurückhaltend. „Und da ist wirklich noch jemand drin?“, „Aber die ist doch nicht echt, oder?“ wird dann oft gefragt. Diese natürliche Scheu vor den Verstorbenen sollten wir uns auch als Erwachsene erhalten und nicht nach dem „wohligen Schaudern“ suchen. Wir sollten den Mumien mit Respekt gegenüber treten, sie nicht begaffen, sondern ihre Würde bewahren und vor allem nie vergessen: Es war einmal ein lebendiger Mensch, der da vor uns liegt, mit seinen ganz eigenen Ansichten, Träumen und Wünschen und ob dazu gehörte, Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende nach seinem Tod als Ausstellungsobjekt in einem Museum gezeigt zu werden, das wage ich zu bezweifeln.

Mumien-Tabu

Mumien-Tabu

Und damit sind wir auch gleich schon bei den altägyptischen Mumien. Wir sollten uns immer vor Augen führen, was die Mumie für den Ägypter bedeutet hat. Der künstlich haltbar gemachte Körper war nämlich sein Garant für das ewige Leben im Jenseits. Diese ewige jenseitige Existenz in den Gefilden der Seligen war an gewisse Bedingungen geknüpft.
Mit dem Tod, so glaubten die Ägypter, löste sich die Ba-Seele vom Körper. Der Körper blieb im Diesseits in seinem Grab zurück, der Ba ging ein ins Jenseits (sofern der verstorbene das Jenseitsgericht überstand, aber das ist eine andere Geschichte…). Das Paradies im jenseits war aber nicht ohne Tücken – man musste für seinen Lebensunterhalt sorgen und arbeiten! Um dem zu entgehen, oblag es den Hinterbliebenen, ihre verstorbenen Vorfahren im Jenseits zu versorgen. Dies geschah zunächst durch die Grabbeigaben, dann durch Opfer, die beim Besuch des Grabes mitgebracht wurden, später – wenn es keine Hinterbliebenen mehr gab – durch die Opferlisten und Darstellungen von Gütern auf den Grabwänden.
Die Seele musste zum Empfang dieser Opfer aber immer wieder in ihr Grab zurückkehren. Dies ging nur, solange dort noch der unversehrte Körper lag. Der Körper war für die Seele so etwas wie ein Leuchtturm, mit dem sie ihr Grab im Diesseits ausfindig machen konnte. Natürlich setzte man alles daran, den Körper so lange wie möglich haltbar zu machen – eben durch die Mumifizierung!

Die Ba-Seele, dargestellt als Vogel mit menschlichem Kopf

Die Ba-Seele, dargestellt als Vogel mit menschlichem Kopf

Wenn nun der Körper verging oder aus seinem Grab entfernt wurde, so fand die Seele ihr Grab nicht mehr und ihre ewige Existenz im Paradies war damit beendet.
Und nun schauen wir uns einmal um, wieviele altägyptische Mumien sich in den Museen der Welt befinden! Wusstest du, daß man aus Holzmangel in Ägypten mit den schönen trockenen Mumien die Eisenbahn angeheizt hat? Mumien wurden kleingemahlen und in Apotheken als Medizin verkauft! Aus kleingemahlenen Mumien hat man auch Malfarbe hergestellt. Im viktorianischen England lud man zur Teegesellschaft mit Höhepunkt der Auswicklung einer echten Mumie.

Jede dieser Mumien ist eine in Ewigkeit verdammte altägyptische Seele, der wir das Weiterleben im Jenseits genommen haben. Und nun viel Spaß beim Mumien-Gucken.

Die Würde eines Menschen ist unantastbar, auch und gerade nach seinem Tod.

 

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4 Kommentare zu “Mumien-Pornographie?

  1. Mit einem Hobby-Ägyptologengrüppchen, einem recht illustren Kreis, besichtigte ich vor vielen Jahren Schloss Friedenstein in Gotha. Dort präsentierte man eine sehr liebevoll ausgestaltete Ausstellung zum Thema Altägypten. Danach besuchten wir die Schlossapotheke und bestaunten einen menschlichen Leichnam, den man mit einem am Hals besfestigten Strick von der Decke baumeln ließ. Das Schreckliche an der Leiche war, dass sie nur noch ein Torso war … der Rest ist quer durch die zurückliegenden Jahre, als medizinisches „Mumia“ verkauft, regelrecht aufgefressen worden.
    Der Glaube, der Verzehr von menschlichen Mumien könne heilen, kommt ja nicht von ungefähr: da zur Präparation der Toten von den alten Ägyptern häufig Bitumenmassen eingesetzt wurden, wirkte das davon durchsetzte Fleisch tatsächlich in geringem Ausmaß antibiotisch. Pulverisiert und eingenommen, könnte es in der Tat Entzündungen geheilt haben können. Wir kennen den Effekt heute noch aus der „schwarzen Salbe“ oder auch „Zugsalbe“ genannt; eine erdölbasierte Bitumensalbe, die gegen Entzündungen eingesetzt wird.
    Dennoch: ich stelle mich selbst gegen die Besichtigung von Toten, die man aus ihren Gräbern gerissen hat und habe auch den Mumiensaal im Ägyptischen Museum in Kairo gemieden. Die dort den Blicken der Lebenden ausgesetzten Herrscher sind ihrer Würde beraubt und zum Objekt der Neugierde und des gelinden Grusels herabgesunken. Wissensdurst erklärt die Begierde nicht, mit der die meist furchtbar entstellten Leichen begafft werden – sie sind allesamt (!) größtenteils ganz hervorragend durchdokumentiert, in tausenden Schnittaufnahmen durch CT’s analysiert und zumindest virtuell alle „ausgewickelt“ und in ihrem Präparations- bzw. Erhaltungszustand bekannt.
    Wenn ich mich an meinen verstorbenen Onkel erinnern will, kratze ich ihn nicht aus seinem Grabe, sondern betrachte Familienalben. Seit vielen Jahren bin ich sogar der festen Überzeugung, dass die Grabherren samt und sonders wieder in ihren eigenen Gräbern bestattet zu werden und die Gräber selbst für immer geschlossen zu werden haben. Wir wissen, dass die Herrscher durch Feuchtigkeit und (Schimmel-) Pilzbefall langsam ihrem zweiten Tod entgegendämmern und die Farbschichten und sonstigen Ausgestaltungen ihrer Gräber jedes Jahr ein gutes Stück weiter verfallen, allen Anstrengungen zu ihrem Erhalt zum Trotz.
    Es handelt sich größtenteils um Pharaonen, die der gesamten Menschheitsgeschichte einen bedeutsamen Ruck verpasst und unsere Geschicke bis hinein in unsere Zeit bestimmt hatten. Sie haben keine historische, sie haben eine menschheitsgeschichtliche Bedeutung; ihnen ist mit höchstem Respekt zu begegnen und mit der Rückbestattung ihrer Körper und dem Schließen ihres Grabes würde man ihnen den notwendigen Respekt bezeugen.
    Auch die Mumien „geringerer“ Menschen haben diesen Respekt verdient; ihr Anblick bringt uns Heutigen über ihre (virtuelle) Untersuchung hinaus keinen Vorteil, nichts Neues und keine bahnbrechende Erkenntnis. Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, sie aus ihren Bandagen zu reißen und sie nackt und bloß, ihrer Würde als Mensch beraubt, unter unsere Augen zu halten.

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  2. Leider kann ich dem grenzenlosen Tenor nach der Sicherstellung menschlicher Würde nicht vollständig zustimmen. Denn eines ist auch klar: Mumien gehören in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit untrennbar zur ägyptischen (Jenseits)kultur. Es ist völlig klar, dass Besucher eines Museums mit dieser Besonderheit der menschlichen Geschichte in Berührung kommen und Mumien sehen wollen. Das gilt insbesondere auch für Kinder, die meiner Erfahrung nach keineswegs nur die Särge meinen, sondern oftmals eben ganz genau die Kindermumie, die im Museum ausgestellt ist.

    Übrigens gilt das auch für mich selbst – eine der tiefsten Berührungen mit Ägypten habe ich im Magazin des British Museum erlebt, wo in Schränken Köpfe in Parafinöl eingelagert sind. Wohlgemerkt nicht on public display, denn das wäre wirklich nicht zumutbar. Aber für mich war das wie der Blick direkt ins Gesicht eines Menschen, der vor unglaublich langer Zeit gelebt hat. Allerdings bin ich berufsbedingt natürlich auch in der Lage (hoffentlich), den Toten und seine Geschichte richtig einzuschätzen und zu würdigen.

    Was keinesfalls geht ist die publikumswirksame Zurschaustellung zerfetzter, ausgewickelter Körper einzig und allein um Besucherströme anzulocken. Dass damit nicht nur die Würde des Verstorbenen, sondern auch die Würde der Besucher verletzt wird, ist zweifelsfrei. Doch es gibt andere Wege. Eben beispielsweise die Kindermumie in München, die respektvoll vor einem schwarzen Hintergrund präsentiert wird und noch dazu vollständig und intakt ist. Dazu gehört für mich im Übrigen bei JEDER Führung, dass ich nicht einfach darauf hinweise „Das hier ist die Mumie!“, sondern dass ich genau auf den Umstand hinlenke, dass es sich um ein ägyptisches Kind handelte, und was es mit der Würde auch ägyptischer Toter auf sich hat. So manches Kind hat bei meinen Führungen laut „Iiiiiieh!“ gemacht, als wir zur Mumie gekommen sind. Und ich hoffe, die wenigsten Kinder sind mit diesem Gefühl wieder von der Mumie weggegangen. Respekt vor den vergangenen Leben ist eine wichtige Lektion – nicht nur für die Toten längst vergangener Tage.
    Ein anderer Zwischenweg wurde glaube ich in Kairo eingeschlagen (aber hier zehre ich nur von Erzählungen, da ich selbst nicht in der Mumienausstellung war). Dort sollen die Mumien mit weißen Leintüchern verdeckt worden sein, um die beschädigten Entstellungen vor den Blicken der Besucher zu verbergen. Eine Mumienausstellung, in der die Toten in Reih und Glied aufgebahrt liegen, ist allerdings natürlich ein Unding.

    Fazit: Ich bin der Meinung, dass Mumien durchaus ausgestellt werden können, vielleicht sogar sollen. Aber eben in einer Art und Weise, die dem Thema und vor allem dem Toten angemessen ist. Wenn das möglich ist, gehört das für mich zum Auftrag eines Museums dazu.

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    • Es mag so sein, dass Menschen „gern Mumien sehen wollen“. Menschen wollen viel. Menschen wollen die wundervollen Malereien in den Gräbern mit ihren schweißnassen Händen berühren, Menschen wollen (natürlich mit Blitz!) auch dort fotografieren. Natürlich wissen sie, dass sie das aus gutem Grund nicht sollten – aber wenn sie es doch wollen … ?
      Menschen wollen doch auch bei Verkehrsunfällen möglichst dicht dran sein, damit sie die Unfallopfer auch ungestört betrachten (und fotografieren) können. Menschen wollen soviel.
      Mir ist durch Ihren Vortrag noch nicht klar geworden, worin die NOTWENDIGKEIT bestehen sollte, unverzichtbare Werte wie Respekt, Würde, Diskretion, Sitte und Anstand über Bord zu kippen und ich würde Ihnen gern die Frage stellen, weshalb man unter Ihrer Prämisse dennoch darauf verzichten sollte, ein neuzeitliches Grab aus Neugierde zu öffnen, den Toten daraus zu entnehmen um ihn zu examinieren weil man sich vielleicht schon immer gefragt hat, wie der Buckel des soeben verstorbenen Nachbarn eigentlich so von innen aussieht. Wo legen Sie (wenn Sie es denn tun!) die Grenze, ab der die „Störung der Totenruhe“ gleichgültig ist? Haben Sie da zeitliche, ethnische, kulturelle oder andere Maßstäbe, nach welchen die eine Leiche ihrem Grab entnommen und manipuliert werden darf …. ?

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  3. Pingback: Vinzenz on Tour – Tag 1 im Ägyptischen Museum – Arbabat

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