Tränen in den Augen

Endlich, endlich habe ich es geschafft, einen großen Makel loszuwerden, nämlich den der Ägyptologin, die noch nie in Ägypten war….16 Jahre hat es gedauert, aber ich bin da!

Mit großem Dank an das Deutsche Archäologische Institut in Kairo, die mich eingeladen haben, eine museumspädagogische Fortbildung am Nubischen Museum in Assuan für ägyptische Museumsmitarbeiter abzuhalten. Dazu folgt mit Sicherheit ein eigener Blogbeitrag 😉

Dankenswerterweise bietet sich rundherum noch ein wenig Gelegenheit zum Sightseeing und soIMG_20151021_114007 stand heute, natürlich, das Ägyptische Museum hier in Kairo auf dem Plan, das größte- und vollste – ägyptische Museum weltweit, es sind von über 150.000 Objekten wohl ein Drittel ausgestellt.

Es mag sein, daß ich durch unser schönes, neues Museum etwas verwöhnt bin und daß das Kairener Museum mit Sicherheit noch unter den Folgen der Revolution 2011 und den schwindenden Besucherzahlen zu leiden hat. Außerdem ist Ägypten nicht Deutschland und die Sicht auf die Welt durchaus unterschiedlich, aber es hat mich doch ziemlich geschockt, die Präsentation der Objekte zu sehen.

Ja, nicht nur geschockt, ich musste mich ehrlich zusammennehmen, nicht in Tränen auszubrechen. Die Objekte sind in den seltensten Fällen beschriftet, sie sind geradezu zusammengepfercht, von Beleuchtung gar nicht zu reden und es ist dreckig. Nicht nur der Boden, sondern auch die Vitrinen, zugestaubt, daß man nichts mehr sehen kann, manchesmal gerade noch ein kleines Guckloch freigerieben. Aber auch die Objekte selber bedürfen einer dringenden Reinigung. Beleuchtung ist ebenso Glückssache, vieles bleibt einfach im Dunklen – auch was die Hintergrundinformationen angeht. Ein paar allgemeine Schilder zur ägyptischen Geschichte, das war es.

Dafür bekommt man ständig angeboten, doch einen Tourguide zu mieten – viele Besucher nehmen das Angebot auch an, wenn aber schon die Guides die Objekte antatschen, sich fröhlich auf und gegen Vitrinen lehnen, dann braucht es einen auch nicht zu wundern, wenn die Besucher dasselbe tun: überall drauflangen, sich auf Objekten abstützen, Essen und Trinken, ja selbst Fotografieren (mit Blitz!), obwohl selbiges seit einiger Zeit im Museum komplett verboten ist. Deswegen gibts von mir auch keine Fotos aus der Ausstellung, denn ich bin ja brav.

Seit der Einrichtung und Eröffnung des Museums vor über 100 Jahren hat sich ausstellungstechnisch dort nichts getan. Die Vitrinen sind alte Holzschränke, die mit Vorhängeschlössern gesichert sind. Bei einigen der Bild-Ostraka waren auch noch original alte Beschriftungszettelchen in den Vitrinen.
In der Ausstellung stehen teils Kisten, teils verpackte Objekte, Leitern, Wägelchen, Werkzeug, alles fröhlich verstreut, so daß man manchmal gar nicht weiß, ob man im offiziellen Bereich ist oder aus Versehen eine Absperrung übersehen hat.

Ein Lichtblick ist der Raum mit der Sargmaske Tutanchamuns, auch wenn ich die wegen Bartreparatur knapp verpasst habe. Hier ist tatsächlich mal ein wenig mit Licht und Vitrinen inszeniert worden, aber es ist ja auch Tutanchamun.

Mein persönliches Highlight war nicht jener unbedeutende König sondern die Schätze aus den Königsgräbern von Tanis, die bei weitem nicht so schön präsentiert sind: Neonlicht in den Vitrinen macht auch das schönste Gold und Silber platt. Ich habe über die Entdeckungen in Tanis schon ein paar Mal einen Vortrag gehalten. Wäre nicht der Zweite Weltkrieg „dazwischengekommen“, dann hätte diese Entdeckung das Grab des Tutanchamun bei Weitem in den Schatten gestellt. Unter anderem hat man nämlich Särge aus Silber dort gefunden, die für die Ägypter viel wertvoller waren als das Gold, das man ja im eigenen Land abbauen konnte. Woher das Silber kam? Das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden…

Zurück ins Museum – dreieinhalb Stunden habe ich durchgehalten, 100 Räume, 50.000 Stücke, platte Füße. Es ist einfach viel zu viel um es in einem zu erfassen. Und trotz allem vorhergehenden Gemeckere – ja, ein Besuch lohnt sich allemal, ja, es ist unglaublich beeindruckend. Die Statue von Chephren, die Holzstatue des Ka-aper, Rahotep und Nofret, der Schreiber, die Narmerpalette, ja, Tutanchamun, Tanis wie schon erwähnt, die unglaublichen Holzmodelle des Mittleren Reiches, die Bild-Ostraka mit den gekonnten Zeichnungen – auch wenn der Kopf schon voll ist, die Füße weh tun, sobald man in einen Raum hineinkommt, entdeckt man wieder ein neues Highlight und muß einfach weitergehen.

Eine kleine Sonderausstellung zu altägyptischer Fußbekleidung gibt es noch bis Ende Oktober – sehr interessant, auch wenn die Tafeln einfach vor noch bestückt12143263_870600986369160_2520994657838958223_ne Vitrinen davorgehängt wurden….

 

 

 

 

 

 

 

Zum Schluß noch ein paar Impressionen aus dem Außenbereich des Museums – dort darf man fotografieren 😉

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Morgen will ich nach Giza zu den Pyramiden – ich bin gespannt, es wird mit Sicherheit abenteuerlich!

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2 Kommentare zu “Tränen in den Augen

  1. Ich erinnere mich – als ich vor über zehn Jahren im Ägyptischen Museum war, war mein Eindruck der gleiche. Sehr traurig, und dennoch so faszinierend! Es ist mehr als schade zu hören, dass es sich nicht verbessert hat, aber andererseits auch gut zu wissen, dass es nicht schlimmer geworden ist (Stichwort Palmyra)!

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  2. Die Beschreibung erinnert mich an meinen ersten Besuch im Museum. Ich teile beinahe jedes Wort, wenn ich auch damals das Glück hatte, dass es wenigstens sauber(er) war. Mein ganz persönliches Highlight war die Nofretete-Büste im „Rohbau“, an der man noch die Peilstriche des Steinmetzen erkennen kann (oben im Ersten Stock, wenn ich mich recht erinnere). Sie beeindruckte mich maximal, weil ich in ihr im Gegensatz zur Berliner Büste das ECHTE Gesicht Nofretes zu erkennen glaube.
    Machen Sie sich auf etwas gefasst, wenn Sie zu den Pyramiden kommen! Nach 16 Jahren Interesse hat man eine Flut von Bildern im Kopf, die sich alle zerknüllen, wenn man erst einmal selbst davorsteht. Die echten Pyramiden sprengen jedes gemachte Bild auf Papier und im Kopf. Trocken ausgedrückt muss mit „erheblichen, emotionalen Aufwallungen“ gerechnet werden. 🙂
    Freut mich ungemein, einen weiteren Ägyptennarren entdeckt zu haben! Das ist eine unglaublich schöne, wenn auch manchmal schmerzhafte Leidenschaft.

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