Vom Klang der Hieroglyphen

Heute ist der Europäische Tag der Sprachen  – Zeit, um sich einmal über die altägyptische Sprache Gedanken zu machen.

Wie die Hieroglyphen funktionieren, habe ich ja schon einmal berichtet („Und das kann man lesen?“). Oft folgt dann noch die Frage: „Und wie hat man das gesprochen?“ Tja, wenn wir das wüssten!

Die altägyptische Schrift war vokallos, man hat nicht das geschrieben, was man gesprochen hat. Ähnlich funktioniert das heute auch beim Arabischen oder Hebräischen, wobei man bei beiden Sprachen Vokalmarker hat, die bei der Aussprache helfen. Und: beides sind lebendige Sprachen, im Gegensatz zum Altägyptischen. Die letzte datierte hieroglyphische Inschrift stammt aus dem Jahr 394 n. Chr. von der Insel Philae, danach starb das Wissen um die Aussprache aus.

Eines müssen wir auch immer bedenken, wenn wir über „die“ Hieroglyphen sprechen – wir sprechen über 3.500 Jahre Sprachgeschichte, von der Frühzeit bis in die Römische Zeit! Sprache ist lebendig und entwickelt sich. Wir heute sprechen schon nicht mehr so wie unsere Großeltern und habt ihr schon einmal versucht, Walther von der Vogelweide zu lesen? Gerade einmal 800 Jahre alt und trotzdem für uns schwer zu lesen!

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

(Walter von der Vogelweide, Under de linden)

So gibt es eben auch nicht „die“ Hieroglyphen und „die“ altägyptische Sprache. Man unterscheidet zwischen Alt-, Mittel-, und Neuägyptisch, zu den Zeiten des Alten, Mittleren und Neuen Reiches und dem (ziemlich abgefahrenen…) Ptolemäischen. Man hat Hieroglyphen, Kursivhieroglyphen, Hieratisch und Demotisch als Schriften. Dann kommt ab der Spätzeit vermehrt das Altgriechische dazu und ab der frühchristlichen Zeit schreibt (und spricht) man Koptisch – die koptische Schrift ist aus dem griechischen Alphabet entlehnt und hat 7 zusätzliche Zeichen aus dem Demotischen.

Aber damit nähern wir uns dem Problem der Aussprache schon ein wenig an! Das Altgriechische Alphabet hat nämlich Vokale und so ist uns mit dem Koptischen als allerletzte Sprachstufe des Ägyptischen die Aussprache überliefert! Es bleiben aber noch die 3000 Jahre Aussprache davor zu rekonstruieren und wie wir am Beispiel von Walther von der Vogelweide gesehen haben, tut sich in dem Zeitraum einiges!

Machen wir vorher noch einen kleinen Ausflug in die Zeit des Neuen Reiches (1.550 – 1070 v. Chr.). In dieser Zeit hatte Ägypten seine größte territoriale Ausdehnung: im Norden bis zum Euphrat und Tigris, im Süden bis in den Bereich des 4. und 5. Kataraktes im heutigen Sudan. Die Ägypter trafen vermehrt auf ausländische Machthaber und (unterworfene) Städte, welche man in den Berichten in Hieroglyphen schreiben wollte. In dieser Zeit entwickelte sich dadurch eine sogenannte „syllabische“ Schreibweise für ausländische Worte – man versuchte, diese fremdklingenden Namen in Hieroglyphen zu schreiben und hat damit schon eine erste Anlehnung an eine vokalisierte Schreibung. Vermehrt trat dies in der ptolemäischen Zeit auf, als nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen um 332 v. Chr dessen Nachfolger sich zu Königen erklärten und ihre Namen in Hieroglyphen schreiben ließen. Alexander, Ptolemaios, Berenike, Arsinoe, Kleopatra – alles wunderbare Namen mit vielen Vokalen.

Um diese Namen zu schreiben, passte man einige Hieroglyphen an, die in der Aussprache ähnlich waren.

So wurde aus dem Löwen, der ursprünglich ein „rw“ war, ein „L“ und aus dem Lasso „w3“ ein „O“. Auch der Adler, der eigentlich ein Stimmabsatz war, muß ähnlich wie ein „A“ geklungen haben.

Die berühmte Kleopatra (VII.) schrieb sich in Hieroglyphen so:

Bildschirmfoto 2015-09-26 um 15.19.43

Die einzelnen Zeichen (von links nach rechts und oben nach unten) lesen sich Q – RW – J – WA – P – A – D – R – T – A oder QLIOPADRTA. Nunja, eine Ahnlehnung an den griechischen Namen ist zu erkennen 😉

Doch auch schon aus früheren Zeiten hat man eine Ahnung davon, wie einige altägyptische Königsnamen ausgesprochen wurden. Zur Zeit des Neuen Reiches pflegte das altägyptische Königshaus nämlich eine lebhafte diplomatische Korrespondenz mit anderen Großreichen – die so genannten „Amarna-Briefe“. Und da diplomatische Briefe der Zeit in Keilschrift, nicht in Hieroglyphen abgefasst waren, kennt man den Namen von Echnaton und Nofretete in Keilschrift: „Achjanti“ und „Nafteta“. Auch den Thronnamen Thutmosis III. Men-Cheper-Re kennt man. Er klang etwa wie „Manchaparia“.

Zusammengefasst – einzelne wichtige Worte der altägyptischen Sprache kann man rekonstruieren, doch der gesamte Klang einer altägyptischen Unterhaltung wird uns wohl auf immer verborgen bleiben, es sei denn, es erfindet doch einmal jemand eine Zeitmaschine 🙂

 

Ganz zum Schluß noch ein Hinweis in eigener Sache: Morgen, am Sonntag, den 27. September, veranstaltet das Ägyptische Museum in München auch einen Sprachentag! Es werden ab 11 Uhr Führungen in 7 europäischen Sprachen angeboten. Ich habe die Ehre um 13 Uhr eine Führung in Deutsch zu halten – vielleicht seid ihr ja auch dabei? Die Teilnahme ist frei!

Das Programm gibts hier: Europäischer Sprachentag

 

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