Führung im Museum – auf der anderen Seite

Am vergangenen Sonntag hatte ich einmal wieder die Freude, eine öffentliche Familienführung zu übernehmen.

Als hauptberufliche Museumspädagogin ist der direkte Kontakt mit Kindern, Schulklassen oder Gruppen allgemein während einer Führung leider der geringste Teil der Arbeit. Die meiste Zeit pendelt man doch zwischen Computer und Telefon, zwischen Bibliothek und Schreibtisch, um neue Programme vorzubereiten, Veranstaltungen zu organisieren oder ganz banal mit Lehrkräften Museumsbesuche zu planen und Führungskräfte einzuteilen.

Umso mehr freue ich mich immer auf die Dienstag-Abende und Sonntag-Vormittage, wo die Führungen und Vorträge zum festen Programm von uns Mitarbeitern des Museum gehören. Solche öffentlichen Veranstaltungen sind immer ganz unberechenbar. Sie werden in unserem Veranstaltungsprogramm, in der Presse und den Social-Media-Kanälen beworben, doch weiß man nie, ob man mit 8 oder 80 Personen da steht. Wieviele Kinder sind dabei? In welcher Altersspanne bewegen sie sich? Erfahrene Museumsgänger oder komplette Neulinge? Freiwillig dabei oder nicht? Zudem bemühen wir uns, bei den öffentlichen Führungen auch mal besondere Themen zu bieten – dabei weiß man nie, ob das bei den Besuchern auch ankommt… 😉

Die Themen für die Führungen lege ich immer weit im Vorherein fest – meist zu Beginn des Jahres für das ganze Jahr, wobei immer 3 Führungen, also ein Quartal, eine thematische Einheit bilden. Die Themen sind eher allgemein gehalten, kurz vorher erst überlege ich mir, was ich genau erzählen möchte, bereite Material vor und schaue mir die Objekte im Museum nochmal an….das geschieht meist erst in der Stunde vor der Führung. Ich lege mir einen groben Führungsverlauf fest, welche Objekte will ich besprechen, wie leite ich von einem Objekt zum anderen über, was will ich den Besuchern näher bringen.

Vorbereitungen

Die Führung an diesem Sonntag trug den Titel „Nubien – Das Goldland der Pharaonen“. Vorangegangen war im April „Ägypten – Das Land am Nil“, der Mai war wegen dem Kunstarealsfest entfallen.

Folgendermaßen sah mein Führungskonzept aus – am Morgen auf einen Zettel gekritzelt:

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Für alle, die diese Hieroglyphen nicht entziffern können, dort steht

Nubien
frühe Blüte + frühe Kulturkontakte
> Schnurösengefäß
typisch: bemalte Gefäße
Rinder

Götterwelt:
Apedemak / Amesemi Löwe
Isis / Amun Widder

Königinnen

Gold
Caillaud 1822
Ferlini 1834

——————————-

Sudankatalog S 305
Apedemak-Relief ganz
Anch-Vorlage

Schildring in groß?
Schnuröse

 

Alles, was man zu einer Führung braucht 😉

Los geht’s

Das waren die Vorbereitungen. Nachdem das Anschauungsmaterial gescannt, gedruckt und laminiert und alles für das anschließende Werkstattprogramm kopiert und aufgebaut war konnte es losgehen.

Diesmal waren es nur 8 Personen, die an der Führung teilnehmen wollten. Zwei Papas mit ihren Töchtern, eine 5, die andere etwa 8, eine Mutter mit Tochter, etwa 10 und ein Opa mit Enkel, etwa 7. Eine überschaubare Gruppe.

Für unsere öffentlichen Veranstaltungen braucht und kann man sich nicht anmelden – wir wollen das ganze bewusst offen lassen und jedem die Chance geben teilzunehmen. Zumal wäre es für uns ein ziemlicher Mehraufwand, dafür noch Anmeldungen entgegenzunehmen. Nichtsdestotrotz ist die Teilnahme gerade an Führungen natürlich beschränkt, ab einer gewissen Gruppengröße (etwa 30 Personen) wird man nicht mehr gehört und die Teilnehmer sehen nichts.

Leider ist beides nicht ganz ideal – Besucher wegzuschicken, weil die Führung schon voll ist, ist nie schön, auch wäre es prima zu wissen, auf wen man sich einstellen kann. Das wäre nur mit Voranmeldung zu lösen. Der Verwaltungsaufwand dafür ist allerdings sehr hoch, zumal am Wochenende unser Buchungstelefon nicht besetzt ist. Und was mache ich mit den Spontan-Besuchern?

Mich würde eure Meinung interessieren! Wie geht es euch als Museumsbesucher und Teilnehmer an öffentlichen Veranstaltungen? Mit Anmeldung oder ohne? Was gefällt euch besser?

Wie fast bei jeder Führung haben wir an unserer großen Ägyptenkarte im Foyer begonnen. Heute sollte es um Nubien gehen – wo liegt Nubien eigentlich und was verbindet Ägypten mit Nubien, schließlich sind wir ja in einem Ägyptischen Museum. Nachdem das geklärt war und auch allen Teilnehmern nochmal eindringlich klar gemacht worden ist „Nichts anfassen!“, „Schön vorsichtig!“, „Immer fragen!“, ging es dann hinunter in die Ausstellung, den Führungsplan abarbeiten.

Wo Nubien liegt – südlich des 1. Kataraktes, heute ist dort der Sudan – und warum es so heißt – altägyptisch „nebu“ für Gold gab dem Land wohl den Namen – schauten wir uns nun an, wie die Ägypter denn die Nubier selber sahen: Einerseits als Feinde, die unterworfen werden mussten, um das Land zu erobern. Deutlich wird das in der Darstellung des Königs beim Erschlagen der Feinde – die Axt über der Schulter, den am Boden knienden Nubier am Schopf gepackt.

„Und was macht der König mit der Axt?“ – „Er haut dem Nubier den Schädel ein!“

Genau. 🙂 Was kann der König noch an Waffen haben? Krummschwert oder Keule wird häufig gezeigt.

„Eine Keule mit so Spitzen dran?“ Das kam von der kleinen Fünfjährigen, Vater meinte mit einem Grinsen, daß sie zwei große Brüder habe…
„Nein, keine Spitzen.“

(Edit: der genaue Ausdruck waren „Spitze Piekser“, dank für die Rückmeldung!)

Auch der zweite Nubier kniete – wir versuchten, seine Haltung nachzuahmen. Dazu muß man das kleine Stück aber genau anschauen. Was ist denn mit seinen Armen? Ist es bequem, wenn man die Ellbogen hinter dem Rücken zusammendrückt? Nein, denn unser Nubier ist gefangen und gefesselt.

Andererseits waren Nubier auch geachtete Diener im Haushalt, als Ammen oder Musikantinnen, sie wurden also nicht immer feindlich gesehen. Weiter ging es zum Schnurösengefäß – ein Importgefäß aus Ägypten, daß den frühen Handelskontakt zeigt. Schnurösengefäße waren in Nubien unüblich, deswegen hatte man an diesem Stück die Ösen entfernt. Zudem wurde es noch mit Rinderdarstellungen bemalt. Rinderherden waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Nubien.

Von den Rindern ging es weiter zu einem anderen wichtigen Tier. Wir schauten uns einen Kopf des Gottes Amun an – über seinen Ohren war etwas Seltsames. Es sind Hörner….schneckenförmig eingedreht. Und welches Tier hat solche Hörnern?

„Schaaaaaaaafe!“ – „Genau! In diesem Fall ist es ein männliches Schaf, ein Widder.“

Den sahen wir dann noch als kleine Figur, bevor wir den rein nubischen Gott Apedemak kennenlernten.

(Gemerkt? Reihenfolge umgekehrt – Isis gestrichen. Kinder waren relativ unruhig)

Apedemak sahen wir auf einem Relief – nur Kinn und Teil der Nase waren zu erkennen, schwierig, darin den Löwen zu sehen. Aber dafür hatten wir ja eine Rekonstruktionszeichnung!
Genau wie altägyptische Götter hatte auch Apedemak eine Gefährtin, die Göttin Amesemi. Beide sind auf einer kleinen Stele dargestellt. Zwischen ihnen steht eine Königin mit Namen Amanishakheto. Wie üblich für nubische Königinnen ist sie sehr speckig dargestellt – das Schönheitsideal war ein anderes als unseres heute. Staunen bei den Kindern.

Dann waren wir endlichendlich schon fast beim sehnsüchtig erwarteten nubischen Gold angekommen. Amanishakheto wurde nach ihrem Tod in einer Pyramide bestattet, diese hatte der Franzose Frederic Caillaud 1822 besucht und gezeichnet. Der Stich Caillauds illustriert eine der Wände im Museum im Raun „Nubien und Sudan“. Nur 12 Jahre später, 1834, gab es die Pyramide in der Form nicht mehr, denn der italienische Arzt Giuseppe Ferlini, der mit den ägyptischen Truppen als Militärarzt in den Sudan gekommen war, zerstörte die Pyramide auf der Suche nach Gold. Er wurde fündig und brachte den Goldschatz Amanishakhetos nach Europa, um ihn dort gewinnbringend zu verkaufen. Einen Teil davon erwarb Ludwig I. von Bayern, der andere teil befindet sich heute im Berliner Ägyptischen Museum.

Nach nunmehr 45 Minuten war die Aufmerksamkeit der Kinder am Ende, erschöpftes Zusammenbrechen auf dem Boden und auf den Arm Geklettere von Papa inklusive. Deswegen noch schnell die unterschiedlichen Schmuckstücke angeschaut und dann raus aus der Ausstellung und in unseren museumspädagogischen Raum – denn dort wollten wir uns zum Abschluß noch selber ein nubisches Schmuckstück herstellen. Einen Anch-Anhänger aus Goldfolie und Transparentpapier.

Toll sind sie geworden und so manch eine Dame könnte sich nicht entscheiden, ob die Gold oder die Silberseite nach vorne sollte 🙂 Auf jeden Fall passte der Anhänger perfekt zum Minni-Maus-Shirt!

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Ich freu mich schon aufs nächste Mal am Sonntag, den 12. Juli, um 11 Uhr im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München. Das Thema dann „Eine Reise durch die Zeit – Niuserre und die Pyramiden“.

Vielleicht seid ihr ja dann auch mit dabei?

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3 Kommentare zu “Führung im Museum – auf der anderen Seite

  1. Ich persönlich finde es cool, kurzfristig und unangekündigt erscheinen zu können – kann aber auch verstehen, dass das die Vorbereitung und Durchführung erschwert. Gibt es denn Erfahrungswerte? Z.B. während Schulferien (oder Werksferien großer ortsansässiger Betriebe) kommen mehr Eltern/Kinder unter der Woche als am Wochenende; im Herbst/Winter, wenn das Wetter schlecht ist, kommen mehr als im Sommer/Frühling etc.?

    Eine Idee zum Thema Online-Anmeldung: Wenn es auf der Internetseite eine einfache, intuitive Anmeldung gibt – sowas wie Name, Email, Datum der Führung (Auswahlfeld, ggf. vorausgefüllt, wenn ich über eine Termin-Liste da reinkomme), Anzahl der Teilnehmer, Alter der Teilnehmer (Freitextzeile mit Beispieltext „7 Jahre, 11 Jahre, 37 Jahre“), bestimmte Interessen (Freitextfeld mit Beispieltext „Führung, Basteln, beides“), erreichbar über eine Termin-Liste oder Liste von erhältlichen Führungen – dann würde ich das gerne machen. Insbesondere, wenn man die Anzahl solcher Anmeldungen bei der Übersicht über die Führungen einsehen kann (sowas wie „Achtung! Für diese Führung liegen bereits 20 Online-Anmeldungen vor!“), so dass ich ggf. umdisponieren kann. Man kann ja dabeischreiben, dass das nicht verpflichtend ist, aber dem Museum bei der Planung und Durchführung der Führungen hilft.

    Ich weiß nicht, wie euer Internetauftritt gestaltet und gedacht ist; es gibt Museen mit ausführlicher und sehr anschaulicher Internetpräsenz, auf deren Seiten man gerne geht, um sich auf den Besuch vorzubereiten, es gibt andere, bei denen man merkt, dass das eher ein „ferner liefen“-Ding ist. Genauso kann ich nicht einschätzen, wie eure Besucher drauf sind: Sind das Digital Natives, die am liebsten noch ne Museums- oder Ausstellungs-App hätten, oder Technikverächter, die schon ein Fax argwöhnisch beäugen? (ich bin ja eher ersteres :D)

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  2. Ha! Das ist ja das Problem – es gibt keinerlei Voraussagen, wann wer wieviele Leute kommen – total wetter- und ferienunabhängig – wir haben noch kein Muster feststellen können. Onlineanmeldung ist mit unserer technischen Ausstellung leider nicht möglich und wir haben alle Besuchertypen vom Omchen bis zum Digital Native – Dilemma! Deswegen auch noch ungelöst….

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  3. Man muss oder kann aber auch sagen – ein großes Plus bei uns „Fachexperten“ ist, dass wir sehr wandelbar sind. Da können dann gerne mal 3 oder 20, kleine oder große Kinder, Laien oder Fachleute kommen, man passt sich eben an. Besonders nett fand ich deine Anmerkung zur spontanen Abänderung der Führung – Isis weg, Kinder zu unruhig. Führungen sind eben keine Referate mit festem Ablauf, sondern eine anstrengende Dienstleistung. Und wer das gut hinkriegt, der hat was drauf! 🙂 Bitte mehr Berichte aus der Realität des Kulturbetriebs!

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